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Sara Rai – Im Labyrinth

Was passiert mit einem Land wie Indien, wenn Turboglobalisierung und koloniale Vergangenheit aufeinanderprallen? In Sara Rais Geschichten steht die Welt Kopf: Mitten in der Stadt breitet sich Wildnis aus, Verbrecher entkommen ihrer gerechten Strafe, Paläste zerfallen zu Staub. Rais Helden sind häufi g skurrile Einzelgänger oder Außenseiter, aber auch ganz normale Menschen in der indischen Großstadt. Ihr Alltag wird zum Ausgangspunkt für magische Momente. Die Protagonisten können alte Gewohnheiten abstreifen, neuen Mut schöpfen und in einer Zeit des Umbruchs ihren Platz finden.

Sara Rai - Im Labyrinth (Veranstaltungsplakat Autorenlesung 5.5.2019, 16 Uhr, Schloss Nossen)

Sara Rai

Sara Rai (geb. 1956) ist eine wichtige literarische Stimme Indiens. In ihrem Heimatland ist sie als Autorin und mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin bekannt. Bis heute lebt Rai in ihrer Geburtsstadt Allahabad im Bundesstaat Uttar Pradesh. Mit ihrem literarischen Schaffen setzt sie eine Familientradition fort: Rais Großvater Munshi Premchand war ein Mitbegründer
der modernen Hindi-Literatur.

Zum Werk

Rai ist eine genaue Beobachterin individueller Lebenswelten im zeitgenössischen Indien. Dabei interessiert sie vor allem, wie gesellschaftliche Konflikte sich im Alltag der Menschen widerspiegeln. Viele Themen ihrer Geschichten sind universell – vom Altwerden in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft über die Suche nach der eigenen Identität in unruhigen Zeiten bis hin zur Ausgrenzung, die gesellschaftliche Außenseiter und religiöse Minderheiten erfahren. Ihre Figuren bieten einen Zugang zu ganz unterschiedlichen Milieus, Generationen und Persönlichkeiten der indischen Gesellschaft. Ob es sich dabei um einen schwulen Künstler in Delhi handelt, eine im halbverfallenen Familienanwesen lebende Greisin oder einen flüchtigen Vergewaltiger, für dessen Tat ein anderer büßt: Rai nimmt konsequent subjektive Erzählperspektiven ein, mit denen sie die Zwischentöne menschlicher Existenz erfasst. Im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft, kolonialer Vergangenheit und Globalisierung, traditionellen und modernen Lebensweisen bietet in ihren Erzählungen oft allein die Natur Versöhnung an. Hier offenbart sich ein Urvertrauen in die Welt, das unter den Menschen längst verloren scheint.

Stilistisch verknüpft Rai Vorbilder aus der Weltliteratur – von Tschechow bis Alice Munro – mit einer profunden Kenntnis indischer Erzähltraditionen – von der höfischen Dichtung der Moghul-Zeit bis zu Salman Rushdie. Aus diesem souveränen Umgang mit globalen und lokalen Traditionen erwächst ein sprachmächtiges, vielstimmiges und psychologisch aufmerksames Oeuvre. Insbesondere das in Indien sehr beliebte und gut etablierte Genre der Kurzgeschichte führt Rai zu neuer Blüte. Durch die Veröffentlichung eines Bandes mit ihren wichtigsten Erzählungen und einem autobiografischen Essay im Februar 2019 bietet sich nun die Gelegenheit, diese wichtige zeitgenössische Stimme Indiens auch auf Deutsch
kennenzulernen.

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